Pressemitteilung "Verliert Pankow sein Gesicht? "

Pressemitteilung

Verliert Pankow sein Gesicht? - GESOBAU plant energetische Sanierung

Am 19. März fand die Pressekonferenz „Das besondere Denkmal und die energetische Sanierung“ in der Kavalierstraße 19 in Berlin-Pankow statt. Über 60 Personen nahmen Teil. „Wir haben heute gezeigt, dass sich ein breites Bündnis formiert hat, das gegen den Dämmwahn protestiert“, so Mieter Matthias Weinhold. „Ganz unterschiedliche Leute unterstützen uns, nämlich Gentrifizierungskritiker, Umweltschützer, Architekten, Denkmalschützer, Linke, Konservative, Grüne.“ Dies sei ein eindeutiges Signal an die Politik, dass sich in Sachen energetische Modernisierung etwas ändern müsse.

Hintergrund der Pressekonferenz war die Modernisierungsankündigung der GESOBAU AG. Die geplante energetische Sanierung bedroht das imposante Eckhaus mit der Nummer 19/19A in seiner Besonderheit.

Dr. Frank Seehausen, Architekt und Architekturhistoriker, erklärt: „Das Haus ist ein Beispiel moderner Reformarchitektur von außergewöhnlich hoher architektonischer und handwerklicher Qualität und – was besonders selten ist – in nahezu vollständig originalem Erhaltungszustand.“ Die geplante Modernisierung sieht das Ersetzen von Kastendoppelfenster aus Holz durch PVC-Fenster vor, sowie den Abriss der Putzfassade, die mit einem Dämmputz und einem Wärmedämmverbundsystem überzogen werden soll. Einer der beiden Türme im Hof, früher Dienstbotenaufgänge, soll einem Fahrstuhlschacht weichen. 

Die energetische Sanierung ist ein Thema, das seit längerer Zeit in aller Munde ist. Neben Risiken wie Schimmelbefall, Brandgefahr und der allgemein angezweifelten Wirtschaftlichkeit der Maßnahmen geht es auch um die Zerstörung von Altbausubstanz – und damit nicht zuletzt um das Gesicht Berlins, wie man es kennt.

Ernennung zum „Besonderen Denkmal“

Aus diesem Grund wurde die Kavalierstraße 19/19A durch den Verein Denk mal an Berlin e.V. zum „Besonderen Denkmal 2015“ erklärt. Das Haus steht exemplarisch für ein größeres Problem. „Durch die gestalterische Überformung  sowie durch Substanzschädigungen infolge von Maßnahmen zur Wärmedämmung  schreitet die Zerstörung des architektonischen Berlins Tag für Tag voran“, sagt Dr. Agnete von Specht, Geschäftsführerin des Vereins Denk mal an Berlin e.V. Gemeinsam mit der Mieterschaft des Hauses, die unlängst den Verein zum Erhalt der Kavalierstraße gründete, hat sie am 19. März die Pressekonferenz veranstaltet.

Prof. Harald Simons: Energetische Sanierung ist unwirtschaftlich

Redner Prof. Harald Simons, Professor für Volkswirtschaftslehre, hat die Modernisierungsankündigung der GESOBAU begutachtet. „Die geplante energetische Modernisierung ist grob unwirtschaftlich“, kritisiert er. „56 Cent an Energieeinsparungen stehen monatlich 2,21 Euro Modernisierungskosten gegenüber.“ Letztlich profierten allerdings weder Mieter noch die GESOBAU, sondern nur die Dämmindustrie. „Es geht hier nicht um Umweltschutz. Es geht um Profit. Punkt.“

Florian Mausbach, ehemaliger Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung, zeigt sich während des Pressetermins begeistert über die Schönheit der Kavalierstraße, aber auch verwundert ob der geplanten Modernisierungsvorhaben. Sebastian Rost, Stuckateurmeister und Restaurator im Handwerk ist fassungslos. „Die GESOBAU vernichtet mit ihrem Plan nicht nur die Bausubstanz, sondern auch eine ganze Handwerkszunft und damit ein immaterielles Kulturerbe.“ 

Keine Unterstützung durch Baustadtrat Kirchner & drohende Duldungsklagen

Dies und andere Bedenken hat die Hausgemeinschaft der Kavalierstraße 19 Baustadtrat Jens Holger Kirchner vorgetragen. Kirchner erteilte dem Anliegen aber eine Absage. „Damit fühlen wir Mieter uns als engagierte Bürgerinnen und Bürger verhöhnt“, sagt Christoph Pöhlmann.

Katrin Lompscher, baupolitische Sprecherin der Partei DIE LINKE, betonte allerdings während des Pressegesprächs, dass Baustadtrat Jens Holger Kirchner sehr wohl Möglichkeiten hätte, das Haus zu retten. Zum einen könne er mit dem Bauherren sprechen, zum anderen eine städtebauliche Studie erstellen lassen, die dazu führt, dass das Wohnhaus in der Kavalierstraße in seiner Besonderheit geschützt wird. Fördertöpfe gäbe es.

Die Mieterschaft der Kavalierstraße 19/19A versucht trotz aller Hindernisse, das Haus vor der energetischen Sanierung zu bewahren. Die Hausgemeinschaft traf sich monatelang wöchentlich und lud Experten und Anwälte ein, um sich beraten zu lassen. „Dabei kam heraus, dass die geplanten Maßnahmen nicht nur den Wohnwert mindern, sondern für uns absolut unwirtschaftlich sind“, sagt Mieter Henrik Gasmus kopfschüttelnd. Die Hausgemeinschaft unterbreitete der GESOBAU den Vorschlag, gemeinsam ein Pilotprojekt zur nachhaltigen und zugleich wirtschaftlichen Sanierung zu initiieren. „Leider bislang ohne Resonanz“, resümiert Mieter Christoph Pöhlmann. Im Gegenteil. Nun liegen die Briefe der externen GESOBAU-Anwälte vor. In diesen Briefen droht die GESOBAU den elf Mietparteien (also dem gesamten Haus) mit der Duldungsklage.

Energetische Modernisierung als Verdrängungswerkzeug

Auch Hendrik Schober vom Bündnis Pankower Mieterprotest kennt das Haus gut. Mehrere Monate wohnte er in der Kavalierstraße 19/19A in einer „Umsetzerwohnung“, weil die GESOBAU sein eigenes Haus modernisierte. „Das ist ein wunderschönes altes Gebäude, das noch Geschichte atmet“, sagt er. „Das Haus hat die wohl älteste Zentralheizung Pankows mit tollen ca. hundert Jahre alten gußeisernen Heizkörpern. Die GESOBAU behandelt es aber wie jedes andere Renditeobjekt auch: Die Heizung soll vollständig rausgerissen und die Fenster durch billige Plastik ersetzt werden.“ Er kritisiert: „Das Ganze ist eine einzige große Bereicherungsmaschinerie für die Dämmstoffindustrie und den Vermieter.“

Und Tilo Trinks, ebenfalls Engagierter im Pankower Mieterprotest, ergänzt: „Dieses Haus steht jetzt bereits 102 Jahre und noch sehr gut da. Eine gedämmte Fassade hält gerade mal 20-30 Jahre. Noch Fragen?“ Er ist der Meinung: „Energetische Modernisierungen sind potentielles Werkzeug zur Verdrängung!“

Diese Befürchtung teilt auch Henrik Gasmus, Mieter in der Kavalierstraße: „Entgegen den heutigen Beteuerungen werden Familien so wie wir mit Kindern - trotz eines mittleren Einkommens - bald nicht mehr mit den steigenden Mieten zurecht kommen.“

Wohnungsbaugesellschaften zur energetischen Sanierung gezwungen?

Wohnungsbaugesellschaften wie die GESOBAU halten ihren Kritikern entgegen, dass ihnen schlicht das Geld fehle für eine fachgerechte Instandsetzung. Außerdem seien sie der Energieeinsparungsverordnung (EnEv) verpflichtet. Dabei gibt es bei Bauwerken mit erhaltenswerter Substanz durchaus die Möglichkeit, sich von den Anforderungen der EnEv befreien zu lassen. Dann aber scheint sich die Modernisierung für die GESOBAU wirtschaftlich nicht mehr zu lohnen. Instandhaltungsrücklagen aus der jahrzehntelag eingezahlten Miete der Bewohner scheint es nicht zu geben.

Experten sind indes der Meinung, dass die hochwertige bauzeitliche Ausstattung der Kavalierstraße 19/19A beste Bedingungen bieten würde für eine behutsame, denkmalgerechte Modernisierung. Architekt Frank Seehausen fasst zusammen: „Die gut erhaltenen Kastendoppelfenster lassen sich mühelos aufarbeiten und etwa mit einer eingefrästen Dichtung versehen. Die dicken Massivwände lassen den Einbau einer Außendämmung zweifelhaft erscheinen, der finanzielle Aufwand dürfte die Energieeinsparung aller Wahrscheinlichkeit nach auch langfristig übersteigen.“